7.34   Der Taucher

Der Taucher wird schon in seinem Anzug geboren. Er lebt auf dem Meeresgrund, komplett von Wasser umgeben, wird aber nicht nass. Ja, was noch viel seltsamer ist, er kommt, solange er lebt nie mit Wasser in Berührung, sondern nur das Äußere seines Anzuges wird vom Wasser umflutet. Sein Anzug ist schwer und sehr unbeweglich, und nur dank des Auftriebs kann er aufrecht stehen. Große Sprünge kann er aber nicht machen, und je älter er wird, umso langsamer und schleppender werden seine Schritte. Dafür sorgen schon die schweren Bleiplatten an seinen Füßen, die ständig wachsen je älter er wird.

Der Sinn seines Lebens sind Muscheln, und je mehr ein Taucher davon besitzt, desto angesehener ist er. Zwar gibt es genügend Muschelbänke und Muscheln reichlich für alle, trotzdem gibt es aber Taucher, die keine, oder nur sehr wenige Muscheln besitzen. Einige Wenige besitzen dafür ganze Muschelbänke. Man sagt ja auch: dem gehören alle Muschelbänke soweit das Auge reicht, und das sind immerhin fast drei Armlängen. Denn da wo die Muschelbänke sind, scharen sich die Taucher am liebsten, und wirbeln mit ihren schweren Füßen sehr viel Dreck auf, so dass das Wasser schmutzig und trübe wird.

Einige wenige Taucher leben da wo das Wasser noch klar und rein ist, aber da sind auch keine Muscheln, und so zieht es sie dann früher oder später wieder zu den Andern die im Dreck scharren. Noch nie hat ein Taucher jemals einen anderen Taucher wirklich gesehen oder ihn berühren können. Alles was sie von einander sehen sind ihre schweren Anzüge. In ihrem Helm ist ein kleines Loch aus denen sie in ihre Welt starren, meistens damit beschäftigt, einem Andern Taucher die Muscheln streitig zu machen. Einige schmücken ihren Anzug um sich von den Andern Tauchern zu unterscheiden, meistens zum Nachteil, aber das sagt ihnen keiner.

Verständigen können sich die Taucher nur schwerfällig, durch Gesten und Blubbern, und das ist dann auch meistens alles was sie produzieren. Einige wenige selbsternannte Supertaucher aber haben sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt, und so ihre eigenen Theorien aufgestellt. Diese sind dann unumstößlich und gelten dann für alle Taucher. Sollte es ein Taucher einmal wagen diese Theorien anzuzweifeln wird er mit aller Macht wieder eingenordet, oder aus seinem Anzug gestoßen.

Wenn ein Taucher stirbt, verlässt er das erste Mal in seinem Leben seinen Anzug. Er steigt langsam im Wasser empor, und sieht seinen alten Anzug reglos am Boden liegen. Die Andern Taucher versammeln sich um diesen Anzug und betrauern ihn. Da liegt er nun der arme verstorbene Taucheranzug, ruhe er in Frieden. Und für ein paar Muscheln wird er dann im Sand verscharrt und ist wenige Augenblicke später vergessen.

Aber der angeblich verstorbene Taucher ist alles andere als tot. Er möchte seinen Taucherfreunden zurufen: „Seht her, ich lebe, endlich bin ich von meinem schweren Anzug erlöst und frei.“ Aber es hört ihn keiner, denn Sie sind alle zu sehr mit Muschel machen beschäftigt. Und so schwebt er langsam davon, verlässt das Wasser, steigt auf in die Luft und entschwindet für immer in die unendlichen Weiten.

Lange dachten die Taucher sie wären die einzigen hier auf dem Grund des Meeres, und der Mittelpunkt der Welt. Einige clevere Taucher ließen sich viele Muscheln dafür bezahlen, dass sie den anderen Tauchern erzählten, wie die Welt funktionierte. Da war als erstes einmal die mächtige Feuerqualle. Jeden Morgen erschien sie am weit entfernten Wasserspiegel links und verbreitete ihren trüben Schein. Abends entschwand sie rechts und es wurde dunkel. Das war der Gott Feuerqualle, den es anzubeten galt. Er verlangte Opfergaben die von den Priestertauchern eingesammelt wurden. Die Höhe der Gaben, es handelte sich natürlich um Muscheln, wusste nur der Hohe Oberpriester, denn er allein sprach mit der Feuerqualle, aber die sprach nie und hörte nur zu.

War ein Taucher einmal anderer Meinung, wurde er aus seinem Anzug gestoßen. Um das bewerkstelligen zu können setzten die Priestertaucher Häuptlingstaucher ein, sogenannte von der Feuerqualle gesalbte Königstaucher. Diese mussten spurten, denn die Priestertaucher konnten sie auch wieder absetzen. Die Königstaucher waren darauf bedacht ihren Reichtum zu beschützen und zu mehren, und so versammelten sie die stärksten Taucher um sich, zu ihrem Schutz. Diese brauchten nun nicht mehr zu arbeiten, was sie noch nie gerne getan hatten, sondern nur jeden aus seinen Anzug zu stoßen der nicht kooperierte. Und da sie nicht gestorben sind, drum stoßen sie noch heute.

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