4.17   Die Sekte der Kinder Gottes

Jede Kirche, die Bestand haben will, muss als profitables Geschäft aufgebaut sein. Da gibt es zuerst die Geschäftsidee, dann die Kunden, und schlussendlich die Finanzierung und Verwaltung, die das ganze am Laufen hält. Diese ist für das Eintreiben der Finanzen und für genügend Wachstum verantwortlich. Die Geschäftsidee muss laufend an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden. Das Finanzwesen muss weiter in neue Ideen investieren und die Verwaltung muss eine strengen Kontrolle ausüben, wenn das Unternehmen Bestand haben will.

1968 hatte ein mittelloser Wanderprediger namens David Berg eine Geschäftsidee.

Es war in Huntington Beach, in Kalifornien, zur Zeit der großen Hippiebewegung. Die Generation der Hippies waren Jugendliche, die es satt hatten die Lügen der Welt weiter zu schlucken, und als Soldaten in aussichtslosen Kriegen verheizt zu werden. Sie waren auf der Suche nach der Wahrheit und experimentierten freizügig mit Drogen wie Haschisch und LSD, welches die Soldaten aus dem Vietnamkrieg mitbrachten. Cannabis wuchs in Vietnam wild, und LSD wurde von der US Regierung extra für die Soldaten hergestellt, um sie willig zu machen. So also predigte Berg zu den Suchenden, und hatte so großen Zulauf, dass er beschloss, einen Verein zu gründen. Mit praktisch einem Bibelspruch gründete er die „Children of God“ (Kinder Gottes)

„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden die an seinen Namen glauben.“

Johannes 1,12

Gemeint ist ein kurzes Gebet, in dem der Betende bekennt, dass er ein Sünder ist und Jesus Christus als sein Erretter annimmt.

Ziel war es immer, neue Jünger um sich zu sammeln, und so wuchs die Zahl der Mitglieder rasch. Die meisten Mitglieder waren also Jugendliche aus der Hippie-Szene. Es wurde viel Bibelstudie betrieben, Rauschgift ja sogar Zigaretten rauchen wurde verboten, alles wurde geteilt und alles gehörte allen. Berg nannte sich nun Mose David und brachte seine ersten „MO Briefe“ heraus in denen er die Bibel erklärte, und zwar so, dass sie in sein Geschäftsmodell passten. Ab sofort wurde der Zehnte eingeführt. Dazu zitierte er gleich die richtigen Verse aus der Bibel.

„Alle Zehnten im Lande vom Ertrag des Landes und von den Früchten der Bäume gehören dem HERRN und sollen dem HERRN heilig sein.“
  1. Mose 27,30

Weiter Stellen sind 4. Mose 18,26, 5. Mose 14,28; 2. Chronik 31,5

Ja, die Bibel ist ein tolles Buch, und wenn man sie gut kennt kann man für jede Situation eine Stelle finden, und aus dem Zusammenhang herausreißen. Im Neuen Testament steht nichts von einem Zehnten, weder befiehlt noch empfiehlt einer der Schreiber, dass Christen sich einem gesetzlichen Zehnten System beugen sollen, erst recht nicht eine Abgabe an seine Priester. Aber das brauchte ja keiner zu wissen.

Auch wurde all das, was jemand in die Gruppe mit einbrachte, aufgeteilt, sei es Geld, Auto, Haus oder Erbschaft. Sollte er irgendwann einmal genug von dem Unsinn haben und die Sekte verlassen, so ging er mit leeren Händen und dem Versprechen, dass er Jesus Christus verraten habe, ohne jede Hoffnung in eine ihm nichts mehr sagende Welt zurück.

Die Gruppe aber wuchs immer schneller und breitete sich in anderen westlichen Ländern, und später sogar weltweit aus, wo „Kolonien“ gegründet wurden. 1971 kam Jeremy Spencer, Gründungsmitglied der britischen Rock-Blues Band Fleetwood Mac, zu den Children of God.

Jeremy Spencer 1982 in dem MWM Studios in Sri Lanka

1977  lernte ich die Kinder Gottes in Kabul, Afghanistan kennen.

Ohne Vorkenntnisse ihres Treibens oder je von ihnen gehört zu haben, faszinierte mich die Art wie sie lebten, und wie sie jede Frage des Lebens nur mit Hilfe der Bibel und der „Mo Briefe“ erklären konnten. Das Gebet, Jesus als meinen Erretter anzunehmen und in meinem Herzen zu tragen, haute mich einfach um. So etwas Großartiges hatte ich noch nie erlebt. Es war als ob die Liebe Gottes durch mich hindurchströmte. Endlich hatte ich gefunden wonach ich immer gesucht hatte. Ich beschloss dem Club beizutreten.

Voller Begeisterung schrieb ich daraufhin meiner damaligen Freundin, und späteren Frau von meinem Erlebnis.  Dass meine Briefe von der Gruppe zensiert wurden störte mich zwar, doch das waren Gesetze in dieser Sekte, denen man sich nicht wiedersetzen konnte. Obwohl ich von ihnen vorbereitet worden war, war die Reaktion auf den Antwortbrief niederschmetternd. Der Brief war eine einzige Anklage gegen die Kinder Gottes, denn sie waren über die Jahre ihres Bestehens durch ihre sonderbaren Machenschaften stark in die Kritik geraten.

Seit 1974 praktizierten die Mitglieder das so genannte „Flirty Fishing“, bei dem durch sexuelle Handlungen neue Mitglieder gewonnen oder auch materielle Güter für die Gruppe beschafft werden sollten. In den Medien wurde die Vereinigung nach Bekanntwerden dieser Praxis mit Prostitution in Zusammenhang gebracht. Triebfeder der Anklagen waren aber hauptsächlich die Eltern der Kinder die der Sekte beigetreten waren. Nicht nur das diese zumeist sogar ihr Studium abgebrochen hatten, verkündigten sie von nun an nur noch wirres Zeug über Gott und Liebe, statt sich in die Reihe der zielstrebigen, Karriereleiterbesteiger einzureihen.

So hatte sich meine Freundin bereits mit meinen Eltern und meinem Bruder in Verbindung gesetzt, die eine Aktion zur Befreiung des verlorenen Sohnes ankurbelten.

Mein Bruder schaltete die Katholische Kirche und das Sternmagazin ein, und bewirkte vor Gericht eine einstweilige Entmündigung meiner Person. Mit gesponsertem Geld unternahm mein Bruder dann einen Flug nach Kabul und setzte sich dort mit der deutschen Botschaft in Verbindung. Diese lockte mich unter dem Vorwand, es wäre ein Paket für mich angekommen, zur Botschaft, und kassierte dort meinen Reisepass. Ich versprach meinem Bruder die gefährliche Sekte zu verlassen, was ich auch ehrlich vorhatte. Ich ging also zur Kolonie zurück um meine persönlichsten Sachen zu holen und mich zu verabschieden. Hier aber wurde ich von der Gruppe so bedrängt, dass ich mich entschied zu bleiben. Enttäuscht musste mein Bruder die Heimreise allein antreten.

Aber ich hatte ja kein Pass mehr, und die deutsche Botschaft verständigte die Afghanische Polizei, als mein Visa abgelaufen war. Diese nahm mich dann auch gleich in Haft. Wie in einem schlechten Krimi wurde ich in Handschellen in das nächste Flugzeug nach Taschkent Richtung Russland und später über Moskau nach Deutschland abgeschoben.

Das Leben in der Familie

Als der erste Rausch verflogen war stellte sich heraus, dass das Leben in der Familie alles andere als nur Freude war. Die meisten von uns hatten ja kein festes Einkommen, da Arbeit außerhalb der Kolonie also im “System” strengstens verboten war. So waren diejenigen, die nicht das Glück hatten von zu Hause etwas geschickt zu bekommen, verurteilt, Bettelbriefe an ehemalige Freunde und Bekannte zu schreiben oder vor Ort betteln zu gehen. Dazu verteilten wir spezielle „Mo-Briefe“ oder Poster die wir von „Weltservice“ der Druckerei der Kinder Gottes kaufen mussten, ähnlich also wie bei den Zeugen Jehovas. Auch wurde genauestens Buch über die Erfolgsquoten unserer Verteilungen geführt, so dass der Zehnte auch lückenlos abgerechnet werden konnte. Wer viele neue Jünger gewinnen konnte stieg auf, und wurde Schäfer, und durfte dann, wenn er verheiratet war, ein eigenes Zimmer beziehen. Die restlichen Mitglieder schliefen in Gemeinschaftsräumen, Männer und Frauen getrennt.

Ende der 70er Jahre soll die „Familie“ insgesamt rund 9.000 Mitglieder gehabt haben, darunter 6.000 minderjährige. Das macht dann immer noch 3000 Erwachsene die ja von irgendetwas Leben müssen, denn Essen, Wohnung, Kleidung und so weiter will bezahlt werden. Nehmen wir einmal ein durchschnittliches Einkommen von 500 $ im Monat, das man haben muss um mit seinen Kindern zu Überleben:

  • 3000 Mitglieder x 500 $ Einkommen pro Monat = 1,5 Mill $
  • 1,5 Mill $ X 12 Monate = 18 Mill $ pro Jahr.
  • Davon nun 10 % sind 1,8 Mill $ Einkommen für Mose David pro Jahr.

Zieht man davon einmal 800.000 $ für laufende Unkosten ab, so hat er in den 26 Jahren seines Wirkens eine Menge Kohle angehäuft. David Berg hatte einen autoritären Führungsstil und kommunizierte mit seinen Anhängern hauptsächlich durch Rundschreiben, die so genannten „Mo Letters“, bis er 1994 starb. Von da an übernahm seine Frau Karen Zerby (alias Maria) die Führung.

1999 lösten sich die „Kinder Gottes“ offiziell auf, etwa ein Drittel der Mitglieder verließ die Vereinigung. Es drohte ein Gerichtsverfahren in den USA. Später nannte sich die Gruppe dann „Family of Love“ (Familie der Liebe), kurz „The Family“.

Lehre und Praxis

Das offizielle Ziel der Vereinigung war die weltweite Evangelisation, die Gründung von Gemeinschaften, die „in brüderlicher Liebe“ leben, die christliche Erziehung der Kinder und die Verkündigung der im Jahre 1993 bevorstehenden „Endzeit“. Bei diesem Weltuntergangsszenario würden nach Überzeugung der Anhänger nur die Mitglieder der „Familie“ überleben.

Die Kinder der Mitglieder besuchten im Allgemeinen keine öffentlichen Schulen, sondern wurden privat unterrichtet. In der Regel übten die Mitglieder der Vereinigung keinen Erwerbsberuf aus. Nach eigenen Angaben finanzierten sie ihren Lebensunterhalt durch Spenden und durch den Verkauf von Büchern und CDs. Außerdem verlor jedes Mitglied beim Eintritt in die „Familie“ seinen gesamten Besitz, der zu Gruppeneigentum wurde.

Kinder und Jugendliche wurden mit äußerster Strenge erzogen, auf geringste „Fehler“ standen schwere Strafen. Aufmüpfige Kinder wurden zu harter Arbeit gezwungen, vor anderen gedemütigt, isoliert und körperlich misshandelt. Viele Frauen boten sich zum „Flirty Fishing“ dar, d.h. sie versuchten, Männer mit Sex in die Sekte zu locken. Familien wurden voneinander getrennt, damit die Kinder nicht ihre Eltern und Geschwister als Familie erfuhren, sondern die „Children of God“ als ihre Familie erachteten.

Viele Sektenmitglieder sahen keinen Ausweg aus der totalen Kontrolle und verließen die Sekte, werden aber ihr Leben lang von ihr gezeichnet bleiben. Der Kamp den Jeder jeden Tag in der Gruppe erlebte wurde damit erklärt, das der Teufel versuche die Gemeinschaft der Familie zu trennen. Was nach außen wie die heile Welt aussah, war ein Machtstreben um bessere Positionen, und eine Überwachung der einzelnen Mitglieder, die es schaffte das sich Eheleute gegenseitig ans Messer lieferten. Nach heutiger Sicht weiß ich, dass es kein Kampf mit dem Teufel war den wir durchmachten, sondern ein Kampf mit uns selbst. Das Göttliche in uns, das uns beschützen wollte, half uns den Weg aus diesem Meer von Lügen und Unarten zu finden.

 »Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.«

Johann Wolfgang von Goethe: Faust

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